Vergiss die Formel 1 – die echten Kurvenstars tragen Gehörschutz und riechen nach Zweitakt-Öl!
Wenn im idyllischen Ebersbrunner Haasenwald die Motoren heulen, geht es nicht um Rundenzeiten, sondern um millimetergenaue Präzision an knallharter Stiel-Eiche. Über dreißig Kettensägen-Künstler haben zweimal 60 Minuten Zeit, um aus einem massiven Holzklotz ein Meisterwerk zu zaubern. Das ist kein sanftes Töpfern, das ist Speedcarving im F1-Tempo!

Fritz Booijink stellt einen Pinguin auf die Beine © z2000/bde
Mittendrin: Erfahrene Säge-Veteranen und blutjunge Nachwuchs-Talente. Wie etwa Niclas Nilius aus dem fränkischen Riedenheim, der erst seit wenigen Monaten Vollgas gibt: „Ich hatte ein Youtube-Video gesehen. Das hat mich regelrecht für das Speedcarving infiziert.“ Auch der 27-jährige Dorian Dragicevic aus dem baden-württembergischen Weißbach wagt sich mit seiner detailreichen „Tiere des Waldes“-Skulptur zum ersten Mal an das Spektakel: „Ich starte außer Konkurrenz, will vor allem viel Abschauen, lernen. Fasziniert hat mich die kollegiale Konkurrenz. Ich komme wieder!“

Dorian Dragicevic vom Kauz bis zur Meise – in Rekordzeit aus dem Stamm "befreit". © uhe
Wo traditionelles Holzhandwerk oft Zeit und Einkehr verlangt, setzt das Speedcarving auf absolute Präzision unter zeitlichen Vorgaben. Die Dynamik dieser Kunstform verlangt den Kunstschaffenden ein Höchstmaß an Konzentration und technischer Souveränität ab: Heulende Motoren, die Beherrschung der Säge bei hoher Schnittgeschwindigkeit und die exakte Führung des Werkzeugs im Material stehen im Mittelpunkt des Geschehens. Besonders die anspruchsvolle Linien- und Kurvenführung im zu bearbeitenden Holz verdeutlicht den Vergleich zum Motorsport: Jeder Schnitt muss auf Anhieb sitzen. Es gibt keinen Raum für Korrekturen – jede Bewegung erfordert höchste Disziplin und ein fundiertes Materialverständnis.
Wenn Präzision auf Lebensmut trifft
Am Stand von Manuel Richter aus NRW ist es vergleichsweise „ruhig“. Hier sitzt gerade Jolien Zander aus Deersheim (Vorharz) und versucht, an einem Hufeisen-Objekt die Beschlaglöcher herauszuarbeiten. Fast schon mit Akribie und sehr behutsam hält sie die Akkusäge in Position. Jolien erzählt, dass sie über ein Hoffest in Brottewitz bei „Holzkunst Scholz“ von Carving-Art-Ikone Dave Albrecht angesprochen wurde, "ob ich nicht auch mal Lust hätte mit einer Kettensäge zu schnitzen." Gesagt, getan – Papa Ingo kaufte eine Akkusäge. Seitdem ist sie von ihrem neuen Hobby begeistert und bei der ein oder anderen Veranstaltung dabei.
Bei genau so einem Event lernte die Siebzehnjährige Manuel Richter kennen. Wie viele seiner Mitstreiter fand er erst während der Coronazeit zur Holzkunst. Seine Wurzeln liegen eigentlich in Leipzig, und schon sein Opa war ein begnadeter Holzschnitzer – das Talent lag ihm also bereits im Blut. Im echten Leben arbeitet Manuel als Vorarbeiter im Straßen- und Tiefbau, meist unterwegs im Köln-Bonner Raum.
Doch wenn es um Holz geht, teilt er seine Leidenschaft nur zu gern. Spontan lud er Jolien nach Zwickau ein, um einfach mal vorbeizuschauen. Dass sie dort selbst zur Säge greifen würde, war keineswegs geplant. Da ihr Vater die Akkusäge jedoch ohnehin im Auto hatte, entschieden sie kurzentschlossen, außerhalb des Wettbewerbs bei Manuel Richter mitzumachen. Dass Jolien im Rollstuhl sitzt, spielte für ihn nie eine Rolle: „Da wird eben der Arbeitstisch entsprechend eingestellt.“

Jolien Zander und Manuel Richter (v.l.) © z2000/bde
Und doch macht es schon einen Unterschied. Aus dem Sitzen heraus erfordert die richtige Körperhaltung viel mehr Kraft, um das Werkzeug ruhig und stabil zu führen. Doch Jolien lässt sich die Anstrengung nicht anmerken. Für sie ist das Holzwerken weit mehr als ein Hobby – es ist eine wertvolle Zuflucht aus dem anstrengenden Alltag. Ganz in ihre Arbeit vertieft, konzentriert sie sich vollkommen auf das Handwerk – umgeben vom feinen Späneregen, dem warmen Duft des Holzes und dem vertrauten Sound ihrer Maschine. In diesem Schaffensprozess erlebt sie eine tiefe Verbundenheit mit dem Naturmaterial. Es ist ein Zustand, der ihr hilft, ihr Handicap für einen Moment in den Hintergrund treten zu lassen. Ihre Mutter Danny bringt es wohl am besten auf den Punkt:
„Das ist für Jolien so eine Art Meditation, bei der sie ihre Schmerzen vergisst.“
Die Idee mit dem Hufeisen ist Jolien am Vorabend gekommen. Ein Hufeisen nach oben geöffnet, damit das Glück auch hineinfallen kann. Glück, von dem Jolien in ihrem Leben bisher nicht so viel abbekommen hat. Seit einem Unfall und einer missglückten Operation ist Jolien auf einen Rollstuhl angewiesen. Gefragt, ob sie vielleicht später einmal etwas mit Holz machen möchte, antwortet sie überraschend:
„Nein, ich beginne eine Ausbildung am 01.09.2026 bei der Luftwaffe als Elektronikerin für Geräte und Systeme in Wunstorf.“
Dass am Ausbildungsort extra eine behindertengerechte Wohnung angemietet werden muss, kostet die Familie einmal mehr enorme Anstrengungen. „Das ist nur einer von vielen Umständen, die uns immer wieder fordern“, berichtet Danny Zander am Rande.

Jolien konzentriert mit ihrer Akkusäge © z2000/bde
Inzwischen hat Jolien begonnen, ihr Hufeisen mit viel Fingerspitzengefühl in den Zwischenräumen zu verfeinern. Dann wird noch drüber geschliffen und das Objekt eingeölt. Zufrieden mit dem Ergebnis stellt sie es ab und lässt eine Druckluftreinigung über sich ergehen.
Für Ingo Zander ist nach dem Wochenende eins klar: "Das Hobby muss weitergehen." Er wird seiner Tochter eine zweite Akkusäge kaufen, mit der man vielleicht filigraner arbeiten kann. Fast so wie mit einem Joystick, mit dem sich ein Hubschrauber zum Abheben bringen lässt – mit viel Fingerspitzengefühl eben.

Manuel Richter, Jolien Zander und ihre Eltern Danny und Ingo (v.l.) © z2000/bde

Aus dem gesamten Bundesgebiet dabei und eine verschworene Gemeinschaft. © z2000/bde
Wenn der Staub sich legt und die Sägen schweigen, wird gefeilscht! Bei der anschließenden Versteigerung heißt es „Bares für Rares“, wenn die frischen Holz-Unikate direkt vor Ort gegen Bargeld den Besitzer wechseln.
Ein rasantes, sympathisches und garantiert lautstarkes Spektakel in Westsachsen – wo die Späne fliegen und echter Teamgeist noch über dem Konkurrenzkampf steht!

Viele Objekte gingen bei der Versteigerung leider unter Wert über den Tisch © uhe

